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Jutta Ditfurth präsentiert in Zinnowitz ihre Ulrike Meinhof-Biografie
Jutta Ditfurth kam offensichtlich gern an den Ostseestrand. Sie wirkte sehr gelöst und war zu Späßen mit dem Gastgeber in der Theaterakademie, Karl-Heinz Strech, aufgelegt. Die 56-jährige Autorin kündigte auch weniger eine Lesung an, vielmehr wollte sie in erzählerischer Form die Hintergründe für das Buch erläutern. Es sollte ein spannender und kurzweiliger Abend werden, der für die Ostdeutschen unter den rund 60 Zuhörern zugleich so etwas wie ein Nachhilfeunterricht in bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte wurde. Aber auch für etliche im Westen aufgewachsene Besucher dürfte Jutta Ditfurths Buch neue Sichtweisen auf die Zeit zwischen 1945 und 1976, dem Todesjahr von Ulrike Meinhof, eröffnet haben.
So hätte sie erst einmal mit dem bisher veröffentlichten Müll aufräumen müssen, berichtete Ditfurth. Schließlich geisterten „Klischees, Mythen und Manipulationen“ durch die bisherigen Publikationen. Ditfurth beleuchtete in ihrem Buch die familiären Verhältnisse von Ulrike Meinhof und kam anders als der ehemalige Spiegel-Herausgeber Stefan Aust in seiner Dokumentation „Der Baader-Meinhof-Komplex“ zu dem Ergebnis, dass die spätere RAF-Gründerin in einer christlichen, aber nicht antifaschistischen Familie aufgewachsen sei.
Mit einem guten Gespür für verlässliche Quellen konnte Ditfurth ein gänzlich anderes familiäres Umfeld in ihrer Geburtsstadt Jena ausmachen als etwa Aust. Die Autorin folgte Ulrike Meinhof auf ihrem weiteren Lebensweg, beleuchtete ihre Schulzeit in Oldenburg, das Studium in den damals erzkonservativen Universitätsstädten Marburg und Münster sowie ihre berufliche Laufbahn als Publizistin und Chefredakteurin von konkret in Hamburg. Es folgte die APO-Zeit in Berlin mit ihrem Höhepunkt, dem legendären Vietnamkongress vor genau vierzig Jahren am 18. Februar 1968. „Das hatte alles einen langen Vorlauf“, gibt Jutta Ditfurth das Ergebnis ihrer Recherchen wieder.
Tief beeindruckt zeigten sich die Zuhörer in der Theaterakademie von den Schilderungen der Autorin. Ein ehemaliger Pastor aus Hohenlimburg steuerte als Zeitzeuge seine Empfindungen bei, die er beim Anschlag auf Rudi Dutschke hatte. „Ich bin neidisch auf Sie und Ulrike“, meinte er, vor allem angesichts von „so viel Scheiße“, die heute passiere, gegen die sich niemand auflehne. Dem widersprach die linke Kommunalpolitikerin aus Frankfurt aber entschieden. Sie nahm auch die jetzige Jugend in Schutz, die anders als die „68er“ heute eine wirtschaftlich viel schwierigere Situation vor sich hätte.