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17 Oldtimer aus sechs Jahrzehnten auf Usedom unterwegs
Für das größte Interesse – auch bei den Medienvertretern – sorgte der Floh unter den betagten Automobilen. Der Hanomag 2/10, wegen seiner Form früher auch als „Kommissbrot“ in aller Munde, war mit 82 Jahren der Senior unter den Gefährten aus sechs Jahrzehnten. AvD-Organisator Sebastian Groehl heftete dem nur 350 Kilogramm schweren Eintakter deshalb auch die Nummer 1 an die Stoßstange, mit der Ricardo Füsting und Isabel Krüger aus Berlin später das Feld der historischen Fahrzeuge bei der Ausfahrt durch das Usedomer Achterland anführen sollten.
Doch zunächst konnten die Passanten an der Promenade die Oldtimer bewundern. Das tat auch Jan Hendrik Becker vom NDR-Fernsehen. Der „Land und Leute“-Moderator hatte es auf eine Probefahrt im „Kommissbrot“ abgesehen. Dafür musste er aber erst mal schwitzen, denn gemeinsam mit AvD-Mann Groehl galt es, den Zweisitzer anzuschieben. Beim dritten Versuch kam der knatternde und blauen Qualm aushustende Motor auf Touren. Die Probefahrt auf dem Promenadenradweg konnte losgehen. Für Fußgänger und Radfahrer war das ein ungewohnter Anblick, aber kein Hindernis. Denn an dem kleinen Hüpfer wären bequem noch zwei Fahrräder nebeneinander vorbei gekommen.
Ähnlich alt wie der Hanomag war der Mathis MB (Bj. 1927) und der Ford A Sport Coupé (Bj. 1928). Dessen heutiger Besitzer Detlef Sewert aus Lübeck verriet gar eine Besonderheit seiner Edelkarosse. Denn der frühere Halter des Ford konnte ihn 1933 für 624 Reichsmark von der Steuer freikaufen. Laut der noch vorhandenen Bescheinigung gilt diese Befreiung „für die Dauer der Benutzung“, also auch noch heute. Sewert spart so schon seit 31 Jahren die Kfz-Steuer, die für seine Oldtimer-Kollegen derzeit immerhin 191 Euro im Jahr beträgt.
Der Gegenentwurf zum „Kommissbrot“ stand am anderen Ende des Hotelgartens, ein 33er Rolls Royce 20/25. Die wuchtige Karosse bringt stattliche 2 Tonnen auf die Waage und hat ein für heutige Verhältnisse bescheidenes Motörchen mit 58 PS. Etwas jüngeren Datums und nicht mehr eckig waren die beiden Opel. Der Kadett II und der stromlinienförmige Kapitän stammen beide aus dem Jahr 1939. Das damalige Opel-Flaggschiff erreichte, angetrieben von einem 55 PS-Motor, eine Spitzengeschwindigkeit von 130 km/h.
Die Stromlinienform wurde auch nach dem Krieg wieder aufgenommen – in Ost und West. Wer kennt nicht den legendären BMW 501 (Barockengel) aus der „Funkstreife Isar 12“? Auch im sowjetisch besetzten Eisenach blieb im einstigen BMW-Werk ein Teil des Knowhows und die Fertigungsstraße zurück. Dort, wo vor dem Krieg der BMW 326 vom Band floss, wurde nach gut zehn jähriger Unterbrechung fortan der EMW 340 gefertigt. Viele gingen als Reparationszahlung in die UdSSR, teilweise noch mit BMW-Emblem! Heute gibt es noch ganze 26 fahrtaugliche 340er aus dem Eisenacher Motorenwerk. Einer davon gehört Siegfried Lesse aus Rövershagen, der seinen vor zweieinhalb Jahren in schrottreifem Zustand in einer Rostocker Autowerkstatt aufstöberte. In Heringsdorf war er, komplett neu aufgebaut, eines der Highlights beim Oldie-Treffen.
Von der Wirtschaftswunderzeit ging es automobilistisch gesehen in die wilden 60er, die mit einem Austin Healey 3000 Mk III und einem VW Karmann Ghia vor dem AURELIA-Hotel vertreten waren. Das jüngste Modell und sozusagen das Schlusslicht beim Autokorso durch das Usedomer Achterland war ein Triumph TR 6 (Bj. 1973). Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h hätte er locker dem betagten „Kommissbrot“, das maximal mit 45 km/h durchs Thurbruch tuckerte, Fersengeld geben können.
Die Orientierungsfahrt startete an der Ahlbecker Seebrücke und führte über Korswandt, Ulrichshort, Reetzow, Benz, Stoben und Pudagla nach Heringsdorf zurück. Am historischen Kopfbahnhof warteten im Restaurant „Haltepunkt 1894“ Kaffee und Kuchen auf die überwiegend älteren Herrschaften in ihren knatternden oder auch schnellen Kisten. Was deren stolze Besitzer eint, ist das Herzblut, mit dem jeder ein Stück Automobilgeschichte bewahrt. Das AvD-Oldtimertreffen soll auch in den nächsten Jahren ein Schaufenster für sie auf Usedom sein.