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Der Kirche auf das Dach gestiegen

Neue Einblicke in die Heringsdorfer Kirche am Tag des offenen Denkmals

Heringsdorf. Steine sind stumme Zeugen der Geschichte, sagt man. Doch zum Glück gibt es Historiker und Chronisten wie den Heringsdorfer Heinrich Karstädt, die sie zum Leben erwecken und wie am vergangenen Sonntag, dem Tag des offenen Denkmals, sprechen lassen.
So wies Karstädt bei seinem Rundgang in der Heringsdorfer Kirche auf einen mit einer Bronzeplakette versehenen Findling hin. Der Gedenkstein am Fuße des Kirchberges, 1855 von Wilhelmine von Bülow gestiftet, erinnert an ihren Vater, den einstmaligen Gothener Rittergutsbesitzer Georg Bernhard von Bülow (1768-1854). Dieser gilt sowohl als Begründer der Siedlung (1819), die ein Jahr später von Kronprinz Friedrich Wilhelm den Namen Heringsdorf bekam, als auch des Badebetriebes daselbst (1825).

Dass das Denkmal auf dem Kirchberg steht, hat aber vor allem damit zu tun, dass von Bülow den Bauplatz für die von 1846 bis 1848 gebaute Kirche zur Verfügung stellte. Die nötigen Taler für den Kirchenbau wurden teilweise durch Spenden aufgebracht. Doch auch König Friedrich Wilhelm IV., der einstige Kronprinz, hatte einen erheblichen Baukostenzuschuss geleistet und darüber hinaus wohl auch den königlichen Baumeister Ludwig Persius als Architekten des Gotteshauses vermittelt.

Dass es vorher noch keine Kirche in Heringsdorf gab, erklärte Karstädt damit, dass die Siedlungen Neukrug und Neuhof zum Kirchensprengel Benz gehörten. Dessen Pfarrer Hartmann hielt von 1848 an alle zwei Wochen einen Gottesdienst in der neuen Heringsdorfer Kirche ab. Da er aber für den Mehraufwand kein Geld bekam, ließ er im Jahre 1856 für sechs Wochen den Gottesdienst ausfallen. Von nun an bemühten sich die Heringsdorfer Gemeindemitglieder um den Aufbau einer eigenen Pfarrstelle.

Doch es sollte noch bis 1890 dauern, bis die Heringsdorfer Kirchengemeinde ausgepfarrt wurde. Das gleiche geschah auch mit der Ahlbecker Gemeinde, die vorher zu Swinemünde gehörte. Otto Berg war zwischen 1890 und 1904 der erste Pfarrer der beiden Kirchengemeinden Ahlbeck und Heringsdorf. In seiner Amtszeit wurde auch das neue Gotteshaus in Ahlbeck am 29. August 1895 eingeweiht.

Die Entwicklung der Seebadkirche hatte entscheidend mit dem aufblühenden Badewesen in Heringsdorf zu tun. Nachdem 1905 der durch Glockenschwingungen in Mitleidenschaft gezogene Turm erstmals saniert wurde, folgte 1914 die Erweiterung um zwei längsseitige Anbauten mit Emporen sowie einer verbreiterten Vorhalle. Aufgrund der wachsenden Besucherzahlen in den Sommermonaten war der Ursprungsbau zu klein geworden.

Wissenswertes wusste Heinrich Karstädt zudem über die Motivfenster, Orgel und Glocken zu erzählen. Auch der hölzerne Luther am linken Rand des Chorraumes fand Erwähnung. Flüchtlinge aus Ostpreußen hatten ihn 1945 mitgebracht und in der Kirche zurückgelassen.

Völlig neue Einblicke in das Gebäude erschlossen sich dann beim Aufstieg zum Dachboden. Dort lagern Relikte, die Platz in jedem Heimatmuseum finden würden, wie die im letzten Jahr erneuerte Kirchturmspitze oder das mechanische Uhrwerk der ursprünglichen Kirchturmuhr. Eine atemberaubende Aussicht bot sich schließlich vom Flachdach der Anbauten und von den Kirchturmfenstern aus über Wald und Meer hinweg bis zur Steilküste von Wollin.


eingereicht von : Dietmar Pühler am 05.10.2006, 15:11 Uhr


 
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